St.Galler Tagblatt 3.6.2006:
Als Katastrophenspezialist in Java

Der Wattwiler Hans Keller war bereits einen Tag nach dem Erdbeben in Java als Koordinator für die Schweizer Katastrophenhilfe vor Ort

Yogyakarta. Tausende Tote und Verletzte, und mehrere hunderttausend Obdachlose: Das Erdbeben am letzten Samstag hat Indonesiens Hauptinsel Java hart getroffen. Hans Keller, bereits in Indonesien im Einsatz wurde sofort ins Katastrophengebiet entsandt.

Toni Hässig

Heute vor einer Woche bebte in Java die Erde. Das Beben brachte eine grosse Zerstörung und riesiges Leid. Die Schweiz reagierte schnell und hatte bereits einen Tag nach dem Beben zwei Experten zur Abklärung der Hilfsmöglichkeiten vor Ort in Yogyakarta. Einer von ihnen ist Hans Keller aus Wattwil. Er ist als Koordinator des Corps für humanitäre Hilfe bei der Direktion für Entwicklungszusammenarbeit (DEZA) unterwegs.

Von Sumatra nach Java

Hans Keller ist seit Monaten im vom Tsunami am härtesten betroffenen Banda Aceh im Wiederaufbau tätig, wo er derzeit ein Wasseraufbereitungsprojekt betreut. Nach bekannt werden des schweren Erdbebens wurde er zusammen mit einem weiteren Mitarbeiter vom DEZA sofort aus Sumatra abgerufen und ins 1700 Kilometer entfernte Katastrophengebiet auf der indonesischen Hauptinsel Java gesandt. Die zwei Experten sind am letzten Sonntag im Erdbebengebiet in Yogyakarta eingetroffen. Vor Ort hatten sie im Kontakt mit den Behörden und dem Indonesischen Roten Kreuz die Aufgabe, die humanitären Bedürfnisse abzuklären.

Bergung der Verletzten

«In der Stadt Bandul sind rund drei Viertel der Gebäude zerstört, und in den kleineren Dörfern in der Umgebung steht kein Haus mehr», fasste Keller seine ersten Eindrücke in einem Interview der NZZ zusammen. Die Ursache für das enorme Ausmass der Schäden sei einerseits die schlechte Bausubstanz der meisten Häuser, andererseits das mangelnde Wissen über erdbebensicheres Bauen.

Das grösste und vordringlichste Problem sei im Erdbebengebiet die Bergung der Verletzten und die sofortige medizinische Versorgung gewesen. Den von den Medien verbreitete Eindruck, die Spitäler seien überfordert, wollte Hans Keller nicht bestätigten. «Die Regierung hat hier sehr schnell und gut reagiert».

Geld nicht Material

An Material für die erste Hilfe fehle es in der Region nicht, so Hans Keller gegenüber Radio DRS. Gebraucht werde deshalb vor allem Geld, damit das Material eingekauft werden könne. Mit den bereitgestellten 100 000 US-Dollar habe man vor Ort lebenswichtiges Material erworben. Dazu gehöre etwa Milch für die Bevölkerung, vor allem für die Kinder. Ausserdem fehle es an Plastikplanen für Zelte, Wellblechen, Öllampen, Kochgeräten, Regenjacken und warmer Kleidung. Die Leute haben praktisch alles verloren, und da es weiterhin regne, brauchen sie einen Schutz gegen die Witterung, so Hans Keller. Die Kälte sei weniger ein Problem, tagsüber herrschten Temperaturen um 30 Grad.

Hilfe verstärkt

Im Gesundheitsbereich haben die Behörden und das Rote Kreuz des Landes einen Mangel an gewissen Medikamenten gemeldet. In enger Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Roten Kreuz, der Schweizer Botschaft in Indonesien und der UNO (UNDAC) haben die Experten der DEZA die Aufgabe, die dringendsten Bedürfnisse abzuklären. Auch dieses Material soll in der Region eingekauft werden. «Denkbar sei zudem, dass ein Teil der noch in Banda Aceh gelagerten Medikamente ins Erdbebengebiet gebracht werde», so Hans Keller. Die finanziellen und die personellen Mittel wurden zwischenzeitlich aufgestockt. Die Schweiz hat für die Humanitäre Hilfe drei weitere Personen des Schweizerischen Roten Kreuzes nach Java entsandt. Diese sind am Donnerstag im Erdbebengebiet eingetroffen, nachdem Hans Keller am Mittwoch vorübergehend allein die Unterstützung der Schweiz bewerkstelligen musste.

Den Menschen Hoffnung geben

Die Schweizer Helfer haben die wichtigsten Dinge zwischenzeitlich in der Umgebung von Yogyakarta eingekauft und deren Verteilung organisiert. «Durch die Zusammenarbeit mit lokalen Experten wisse man auch von den Bedürfnissen in abgelegeneren Gegenden», sagte Keller gegenüber der NZZ. Technische Ausrüstungen wie Trinkwasseraufbereitungsanlagen könne zudem ebenfalls aus Banda Aceh eingeflogen werden; diese sei nach dem Tsunami dorthin gebracht worden und werde jetzt nicht mehr gebraucht – in Banda Aceh sei die Krisensituation vorbei, man befinde sich in der Wiederaufbauphase. Keller betont, dass man auch im Gebiet von Yogyakarta relativ bald an den Wiederaufbau denken müsse. Momentan konzentriere sich noch alles auf die Nothilfe, aber um den Menschen wieder Hoffnung zu geben, müsse man dafür sorgen, dass sie wieder Häuser bekämen. «Zweifellos brauche es aber eine grosse Anstrengung der internationalen Gemeinschaft, damit man die Leute wieder schnell in anständigen Unterkünften unterbringen kann», so Hans Keller.

Der Wattwiler Ingenieur schliesst seinen Einsatz im Erdbebengebiet auf Java heute Samstag wieder ab und kehrt ins Tsunamigebiet nach Banda Aceh zurück. Dort führt er die ihm anvertrauten laufenden Wiederaufbauprojekte des DEZA weiter.