Mitteilung 9
18.10.2004
Schon mehr als drei Monate in Burundi
Einleitung
Seit meiner letzten Berichterstattung ist bereits ein Monat vergangen, was
einige Leser/innen dazu veranlasst hat, sich nach meinem Wohlbefinden zu
erkundigen. Vielen Dank! Ich war die letzte Zeit zwar fit aber einfach
etwas schreibfaul. Zudem gewöhnt man sich mit der Zeit daran, dass laufend
neue Eindrücke das Bild abrunden. Das Bedürfnis, sie sofort weiter zu
verbreiten, liess etwas nach.
Mombasa
Hierüber kann ich mich kurz fassen: es hat mich nicht aus den Socken
gerissen. Bei der Einreise nach Kenya knöpfen sie mal kurz 50 $
Eintrittgeld ab. Dank Diplomatenpass blieb mir dieses Ärgernis erspart.
Ich bin nämlich der Meinung, dass man devisenbringende Touristen eher
belohnen denn bestrafen sollte.
Schön oder gut waren: der Strand, das Meer, die Sonnenaufgänge, das Essen,
das Hotel, der Erholungswert und die Zwischensaison (ruhig sowie günstig).
Mühsam oder ärgerlich waren: all die Souvenirverkäufer, Strassen ohne
Gehsteige, manche mitteleuropäische, mittelalterliche Dame, die sich einen
Afrikaner kaufte, Hotelruinen, fehlende Strassenbeleuchtungen und die
Zwischensaison (tote Hose).
Da
mich nur wenige Situationen aus der Fassung bringen, schnappte ich mir
einen der vielen, leeren Liegestühle und ein Buch, ging früh ins Bett und
freute mich nach fünf Tagen erholt auf die "Heimreise".
Regenzeit
Inzwischen hat in Burundi die Regenzeit begonnen. Das ist etwa so, wie im
Toggenburg das ganze Jahr, nur bleibt es hier wärmer, und die Regengüsse
sind heftiger aber von kürzerer Dauer. Sie beschränken sich auf wenige
Stunden am Tag, wenn überhaupt. Dazwischen scheint die Sonne bei
sommerlichen Temperaturen. Ich muss mir die Vorstellung, dass in Europa
der Winter vor der Türe steht, ab und zu bewusst machen. Bei dreissig Grad
am Schatten denkt man nun mal nicht an Eis und Schnee.
Das Positive an der
Regenzeit ist, dass die Trinkwasserreserven wieder angereichert werden und
die Landschaft sich von bräunlich-blass in ein kräftiges Grün verwandelt.
Es war sehr trocken und ist es immer noch, so dass Regengüsse dringend
nötig sind. Mangels Wasser wird auf dem Land immer noch die Hälfte des
Tages die Elektrizität abgeschaltet.
Nun bringt der Beginn
der Regenzeit auch eine Veränderung bei den Fahrten ins Terrain. Die
lästigen Staubwolken der voran rollenden Eskorte und des eigenen Jeeps
bleiben aus. Dafür sind nun Schlammlöcher zu überwinden und kleineres
Rutschen, fast wie im Schnee, auszukorrigieren. Kürzlich wollte mein
Fahrer in eine sehr steil abfallende Sackgasse hineinfahren. Ich machte
ihn auf das Risiko, unten stecken zu bleiben, aufmerksam. Etwas bestimmter
musste ich ihm dann verbieten, sich auf seine 4x4-Tauglichkeit zu
verlassen. Bevor ich zu Fuss zur Baustelle hinunter ging, beauftragte ich
ihn, den Land-Cruiser zu wenden. Als ich wieder hoch kam und die
Fahrspuren in dem noch relativ flachen Gelände sah, war ich froh, mich
nicht auf seine vermeintlichen Fahrkünste verlassen zu haben. Leicht
verdattert gab er mir seine eben gemachte Erfahrung bekannt. Es dürfte ihm
ziemlich peinlich gewesen sein, dass ein Musungu einem langjährigen
Chauffeur die Grenzen seines HighTech-Jeeps erklären musste. Er wird aber
insgeheim froh gewesen sein, den teuren Jeep nicht zu Schrott gefahren zu
haben.
Vorgestern wurden wir
bei einem kleinen Rinnsal, welches die Strasse querte, aufgehalten. Einige
Holzstämme bildeten einen Steg, weitere Stämme lagen am Rand. Es waren
sowohl der Pickup der Eskorte als auch mein Jeep breiter wie der Übergang.
Mit vereinten Kräften legten wir zusätzliches Holz über den Graben bis wir
die Spurbreite unserer Fahrzeuge hatten. Mit Handzeichen lotsten wir die
Fahrer auf die andere Seite, wobei ein wegrollender Stamm beinahe einen
Jeep festgesetzt hätte. Die gute Reaktion des Chauffeurs ersparte uns eine
mühsame Bergungsaktion. Camel trophy lässt grüssen.
Verschiedene Gäste
Vorletzte Woche wartete an einem, wie immer schönen Morgen ein kleiner
Skorpion in meiner Dusche auf das lauwarme Nass. Nicht dass zu zweit
duschen a priori ausgeschlossen wäre, aber nicht mit einem echten
Skorpion. So musste ich ihn zuerst beseitigen (endgültig). Am Samstag
entdeckte ich im Schlafzimmer seinen Kollegen, nicht wesentlich grösser.
Dieses Format stresst mich nun echt nicht, sind sie doch nur leicht
giftiger wie Wespen. Etwas vorsichtiger wäre ich bei ausgewachsenen
Tieren, nur kommen diese nicht unter dem Türspalt durch.
Dass den Wänden und
Decken entlang Geckos auf der Lauer liegen, ist selbstverständlich. Sie
ähneln kleinen Eidechsen, sind etwas blasser, haben grössere Augen, und
sie halten mein Zimmer mückenfrei. Da sie harmlos, das heisst sogar
nützlich sind, dürfen sie selbstverständlich bleiben.
Letzte Woche hatte
sich ein kleiner Frosch in unser Büro verirrt. Den setzte ich gleich
wieder vor die Türe in den Garten. Das gleiche Schicksal erfuhr gestern
eine winzig kleine Schlange. Zuerst dachten wir an einen Wurm. Als mein
Kollege ihn aber mit dem Schuh in den Korridor schubsen wollte, ergab sie
sich zu erkennen, indem sie nervös davon zu schlängeln versuchte. Auf den
glatten Fliessen waren ihre Bemühungen aber hoffnungslos. Auf einem
A4-Blatt brachte ich sie ebenfalls in den Garten.
Vergangene Nacht
erlegte ein Wächter im Garten unseres Hauses eine rund fünfzig Zentimeter
lange Schlange. Gemäss seinen Aussagen zufolge sei sie giftig gewesen;
kann sein, muss aber nicht.
Last but not least
ist letzte Woche Ann-Kathrin bei uns eingezogen. Sie absolviert nicht beim
UNHCR sondern beim Koordinationsbüro des Schweizerischen Korps für
humanitäre Hilfe ein halbjähriges Praktikum. Während dieser Zeit wird sie
das bis anhin leerstehende Gastzimmer belegen. Es ist eine WG
(Wohngemeinschaft) entstanden, fast wie zu Studentenzeiten. Bis jetzt geht
es ganz gut, und ich bin zuversichtlich, dass es so bleiben wird. Zudem
ist es beruhigender, nicht alleine in einem grossen Haus zu wohnen.
In
Begleitung der neuen Mitbewohnerin trafen unser Chef sowie ein
Sicherheitsoffizier und ein Personalverantwortlicher aus Bern ein. Sie
machen sich ein Bild vor Ort und inspizieren verschiedene Einsatzländer
des SKH in der Gegend der grossen Seen. Zwei Leute sind schon wieder heim
gereist, während unser Chef zur Zeit im Kongo ist und noch zwei weitere
Wochen in Afrika bleiben wird.
Beim Nachbargrundstück war am Sonntagnachmittag ziemlich viel Lärm. Leider
hatten die jugendlichen Einbrecher nicht mit den Wächtern gerechnet, was
ihnen eine heftige Tracht Prügel bescherte.
Heikle Vorkommnisse
Eine ONG (organisation non gouvernale), d.h. eine nicht staatliche
Hilfsorganisation baut für das UNHCR mehrere Schulbauten. Ein Objekt ist
bautechnisch unbefriedigend, respektive katastrophal. Unser Kollege hat
die verantwortlichen Partner auf die Problempunkte aufmerksam gemacht und
gleichzeitig angetönt, dass sie, sofern die Qualität nicht besser würde,
aus dem Geschäft seien.
Die
Diskussionen verlagerten sich rasch auf die emotionale Ebene, so dass
zwischen meinem Kollegen und der ONG kein sachliches Gespräch mehr möglich
war. Vor zwei Wochen entdeckte er auf seiner Veranda ein Voodoo-Zeichen,
welches als klare Drohung aufzufassen war. Ob ein Zusammenhang mit dieser
ONG besteht, kann nicht mit absoluter Sicherheit gefolgert werden, lässt
sich aber auch nicht ganz ausschliessen. Unser Kollege ist schon seit drei
Jahren in Burundi und weiss entsprechend viel. Zudem kennt man ihn hier.
Bei
den Schulhausbauten geht es um recht viel Geld, was erklärt, dass man am
Auftrag bleiben möchte. Es wird nun auch geprüft, ob eventuell
Unregelmässigkeiten vorgekommen sind. Vor einem Jahr wurden hier ein
Franzose und vor einem Monat ein Senegalese umgebracht, weil sie auf
Korruption gestossen sind. Nach eingehenden Diskussionen ist man zum
Schluss gekommen, dass unser Kollege in die Schweiz zurück reisen sollte.
Er ist bereits weg, was bei uns nun eine Umverteilung der Aufgaben und
eine Anpassung der mittelfristigen Einsatzplanung bedingt.
Simon und ich haben letzte Woche die fragliche Baustelle besucht. Momentan
sieht es so aus, als dass wir einen Weg zur Vollendung der Schulanlagen
finden werden. Die ONG zeigt sich zur Zusammenarbeit willig. Sie haben
auch Massnahmen eingeleitet um die Qualität zu verbessern.
Ein
anderes Erlebnis hatte ich vergangene Woche. Ich besuchte ein paar
Baustellen. An einem Ort legten die Arbeiter bei meiner Ankunft die Arbeit
nieder und setzten sich in einer Gruppe auf den Boden. Zuerst realisierte
ich dies gar nicht richtig, weil ich annahm, dass sie Pause hätten. Der
Vorarbeiter erklärte mir aber beim Baustellenrundgang, dass seine Leute
streiken würden, weil sie seit zwei Wochen keinen Lohn erhalten hätten und
dass sie Hunger haben würden. Die rund dreissig Leute, nicht sehr gut
gelaunt, bestätigten mir diesen Sachverhalt.
Da
ich nicht wusste, wo das Problem lag, versprach ich, der Sache sofort nach
zu gehen. Es stellte sich heraus, dass das HCR wegen ausstehender
Zahlungen von Geberländern die Unternehmer nicht bezahlt hat. Diese
wiederum konnten dadurch ihre Leute nicht entschädigen. Ich war ziemlich
ungehalten, da die Leute hart arbeiten und auf den Lohn angewiesen sind.
Zudem kann die Lage, trotz einer Eskorte, ausser Kontrolle geraten, wenn
man da nichts ahnend in eine solche Situation hinein läuft. Ob nun ein
Politiker in den USA, oder ein Buchhalter in Genf oder ein Programmchef in
Bujumbura das Geld blockiert, ist den Arbeitern ziemlich egal. Klar ist,
dass das UNHCR nicht zahlt, und dass ich in einem solchen Jeep auf die
Baustelle fahre L. – Nächste Woche soll das Geld wieder fliessen.
Vielleicht hilft mein unfreundliches e-Mail, dass man künftig früher weiss,
wenn man besser im Büro bleiben sollte.
Meine Einsatzdauer
Bezüglich meinem Aufenthalt in Burundi sieht es so aus, dass ich nicht bis
Ende Jahr sondern bis Ende Mai 2005 hier bleiben werde. Mit Bezug der
restlichen Ferien am Einsatzende dürfte ich aber etwas früher zurück
kehren. Anschliessend möchte ich 2-3 Monate in Mitteleuropa verbringen.
Anfangs Dezember 2004 findet in Genf ein "site planner course" (Planung
von Flüchtlingslagern) statt. Ich kann daran teil nehmen und reise
deshalb, inklusive Ferien, für insgesamt drei Wochen in die Schweiz.
Dabei kann ich zudem paar Pendenzen erledigen.
Ob
das gesamte Zeitprogramm so bleiben wird, steht in den Sternen. Ende
Oktober 2004 hätten in Burundi demokratische Wahlen abgehalten werden
sollen. Nun sind diese aber auf unbestimmte Zeit verschoben worden, was zu
Spannungen und bewaffneten Auseinandersetzungen führen könnte. Es fanden
schon Kundgebungen statt. Zudem gibt es bereits vereinzelte Familien, die
Burundi aus Angst in Richtung Tanzania verlassen. Rund um Bujumbura wird
nachts immer noch regelmässig geschossen.
Ein paar
Bilder der vergangenen Wochen

Baubeginn für die Schule in Kabimba,
aus grossen Steinen entsteht in Handarbeit Kies
(der Tageslohn, sofern er kommt, beträgt 2 US$ pro Tag!)

Traditionelles Bauernhaus im Osten von Burundi

Der "Musungu" im grossen weissen Jeep
zieht immer wieder neugierige Kinder an

Handarbeit in Karindo, ein Wurzelstock
wird ausgegraben und entfernt
|