Mitteilung 5    22.8.2004


 

Schon mehr als einen Monat in Burundi

Einleitung
Die letzte Woche war geprägt vom Einzug in die künftige Behausung, drei Tagen Feld im Nordosten des Landes und einem Zoobesuch. Dann war natürlich die Aufarbeitung des Massakers im Flüchtlingscamp täglich ein Thema.

Musée vivant
Unmittelbar neben dem UNHCR-Standort befindet sich ein kleiner Zoo. Diese Einrichtung hat ganz sicher schon bessere Zeiten erlebt. Alles wirkt sehr herunter gekommen, unordentlich und vergammelt. Nichts desto Trotz wagte ich mich durch die halboffene Pforte. Es hing zwar eine handgemalte Tafel mit den Eintrittspreisen an der Mauer, daneben stand ein vermutlich eben noch benutzter Hocker, aber weit und breit war niemand zu erspähen.

Zögerlich hielt ich mich nach rechts in Richtung Vogelvoliere. Die Exponate waren nicht überwältigend, sondern ziemlich bemitleidenswert. In der freien Umgebung sitzt fast auf jedem Ast ein schönerer Vogel als er hinter Gittern zu entdecken ist. Überhaupt ist die Vielfalt an gefiederten Freunden in Burundi verblüffend. Auch das Gezwitscher, Gekrächze oder Trillern scheint hier markant lauter als im weit nördlich liegenden Europa.

Nach wenigen Schritten stand ich vor einem ovalen Backsteinbau mit typischem Strohdach. Verzierungen an der Aussenwand liessen erkennen, dass hier Schlagen zu hause sein müssen. Ich trat durch eine finstere Öffnung in einen noch dunkleren Raum. Nachdem sich die Augen an die Abwesenheit von Tageslicht und an den Schein von ein paar blassen Neonröhren gewöhnt hatten, konnte ich etliche Vitrinen und Gitterverschläge erkennen.

Da ich immer noch weit und breit der einzige Zweibeiner war, und diese Hütte auf mich nicht wahnsinnig vertrauenserweckend wirkte, bewegte ich mich behutsam und sehr aufmerksam ein paar Schritte in Richtung des hellsten Fleckens. Nach kurzem Suchen war auf einem Ast, von diesem kaum zu unterscheiden, ein Reptil auszumachen. Nebst der auf einem Karton in französisch und kirundu hingekritzelten Namensbezeichnung stand jeweils auch noch, ob die Wirkung eines Bisses harmlos, giftig oder sehr giftig wäre. Es sah plausibel aus, dass ich eine ungiftige Natter vor mir hatte.

Ihr/e Nachbar/in, so genau liess sich dies nicht erkennen, könnte dann allerdings nicht mehr so nett sein. Eine Kobra, Modell schwarz, hebt sofort den Kopf und verfolgt meine Bewegungen vor respektive hinter der Glasscheibe, eine Frage der Perspektive, äusserst aufmerksam. Als Drohgebärde verändert sie die Halspartie zum typischen Merkmal dieser Gattung. Das war die einzige Schlage, die auf meine Anwesenheit so offensichtlich reagiert hat. Die übrigen Tiere, z.B. grüne Mamba dösten ziemlich anteilslos im Geäst oder glitten faszinierend elegant einen Stamm hinunter.

Zu den hässlicheren Exemplaren, nicht von der Zeichnung her, aber wegen ihrer Giftigkeit und der plumpen Form zähle ich die Gabon Viper. Sie war gut einen Meter lang, etwa oberarmdick, hatte einen markant dreieckigen Schädel und schmale, senkrechte Pupillen. – Schöner proportioniert war wiederum die Pyton. Sie war ungefähr ähnlich dick, aber immerhin drei bis vier Meter lang.

Der Besuch dieser Hütte garantiert einen mittleren Adrenalinschub, wenn man sich die Verschläge etwas genauer anschaut. Sämtliche Behausungen, auch die Unterkunft derjenigen Viecher, gegen deren Bisse es noch kein Serum gibt,  können spielend leicht geöffnet werden. An Stelle eines Sicherheitsschlosses verhindert ein Streichholz oder ein dünnes Zweiglein, dass der Bügel aus der Öse fällt und die Türe sich öffnet. Hätten die Viecher etwas bessere Augen und bescheidenes technisches Verständnis (weniger als der Coiffeur von letzthin), die Gefangenschaft hätte ein Ende. Die Gitter haben offensichtlich schon einige Generationen Schlangen am Ausbruch gehindert (oder vielleicht auch nicht). Sämtliche Vitrinen sind vor Jahren mit Silikon notdürftig repariert worden. – Es wäre ein Leichtes gewesen, den Schlangen die Freiheit zu schenken, eine ungiftige Natter zu streicheln oder ein Souvenir hinaus zu tragen.

Beeindruckt, aber nicht besonders beruhigt, schlich ich aus dem Loch. Übrig blieb ein mulmiges Gefühl. Im dürren Gras, unter Laub oder in einem Strauch versteckten sich garantiert Artgenossen, die auf dem Weg zum Gefangenbesuch waren. Innerhalb einer Ummauerung, auf einem Ficus benjaminus, glitt tatsächlich eine Schlange, die harmlos gewesen sein könnte, einer grünen Mamba aber zum Verwechseln ähnlich schien, den Stamm hinauf. Ob es ein Exponat war, oder ob sie sich unfreiwillig eingeschlossen hat, liess sich nicht in Erfahrung bringen.

Wenige Schritte weiter befand sich das Krokodilgehege. Diese Ausstellungsstücke dösten vermeintlich desinteressiert vor sich hin. Einzig die bei meiner Annäherung sich weitenden Pupillen verrieten, dass die Echsen jederzeit zuschlagen würden, wenn da nicht die doofe Mauer wäre. – Übrigens für diejenigen, die den Witz noch nicht kennen: Neureichs gönnen sich eine Nilfahrt. Dummerweise beginnt das Schiff mitten auf dem Strom zu sinken, was natürlich Panik auslöst. Einzig Frau Neureich bleibt ganz gelassen und meint, dass da bereits die Rettungsboote von Lacoste kommen würden. 

In einem bescheidenen Aquarium zogen ein paar kleinere Fische aus dem Tanganyika-See ihre Runden, und draussen hüpften zwei junge Affen über die Geländer. Eindrücklich waren drei grosse Bäume, d.h. es waren nicht die Bäume, sondern Tausende von taubengrossen Fledermäusen, die mit ihrem Lärm die Aufmerksamkeit auf sich zogen.

Das war's dann. Ich verlies den ärmlichen Zoo durch das gleiche Tor wie bei der Ankunft, und traf dort immer noch niemanden an. Entweder war das Personal beim Mittagessen, oder es war das Mittagessen der Krokodile.

Arbeit
Am Montag und Dienstag erstellte ich Skizzen und Devis für die Sanierung von Strassendurchlässen sowie für die Erweiterung der Wasserversorgung in Gasorwe. Am Mittwoch flog ich nach Muyinga und blieb dort bis Freitag. Die Flüge sind immer wieder ein Erlebnis, erhält man doch Dank der niedrigen Flughöhe eine gute Übersicht über Burundi.

Mit dem Jeep samt Fahrer und einer Eskorte fuhr ich die 43 km lange Piste nach Karuzi ab. Während der Strassenzustand in der Trockenzeit mindestens ein geländetaugliches Fahrzeug bedingt, erfolgt in der Regenzeit, selbst mit Allradantrieb und sämtlichen Differentialsperren nach wenigen Kilometern das "Aus". Die Strasse soll nun saniert werden, damit sie  das ganze Jahr passierbar bleibt. Hierzu brauchte es eine Bestandesaufnahme und einen Massnahmenkatalog.

Im Lager Gasorwe besichtigte ich einige Details betreffend die Verbesserung der Wasserversorgung und führte Besprechungen mit lokalen Ingenieuren zum weiteren Vorgehen durch. Zwischen dem vollautomatischen Betrieb eines 1. Welt-Wasserwerkes und den hiesigen Verhältnissen bestehen krasse Unterschiede. Man stelle sich vor, dass jemand im Lager abmarschiert und zur Pumpe runter geht. Fünf Minuten nach dem Abgang des Ersten, startet oben ein Maschinist den Generator. Dann nimmt Ersterer unten die Pumpe in Betrieb. Ein Dritter beobachtet den Wasserspiegel im Sammelbehälter um dem Ersten rechtzeitig ein Zeichen zum Ausschalten der Pumpe beim Erreichen des tiefen Wasserniveaus zu geben. Danach wird auch noch der Generator zum Schweigen gebracht. Mangels optimierter Organisation gehen momentan rund 60 % des sonst schon knappen Wassers verloren.

Während der Fahrt vom einen Bauprojekt zum Nächsten, eine faszinierende Landschaft zieht vorüber, der Fahrer hat eine Kassette von Dire Straits oder einer afrikanischen Formation eingelegt, zweifelt man plötzlich an der Realität der Situation. Zum Teil wähnt man sich beinahe in einem Film oder aber in einem Traum. Die Leute bearbeiten ihre Felder mit Hacken oder von blossen Händen. Entlang der Strasse tragen grell-bunt bekleidete Frauen Bananenstauden oder grosse Körbe auf den Köpfen zu den Marktplätzen. Die Männer, der Erschöpfung nahe, schieben total überladene Fahrräder den Berg hoch. 

Unterkunft
In der zweiten Hälfte Juli besichtigte ich das zu mietende Haus. Es erfüllte die Anforderungen bezüglich Sicherheit und Raumbedarf. Der Eigentümer, ein Arzt versicherte mit grosser Selbstverständlichkeit, dass er das Haus bis Ende Juli geräumt und einige kleine Renovationen erledigt haben würde. Unser Koordinator schloss den Mietvertrag auf Mitte August ab, um die Wohnkosten zu optimieren. Somit hatte der Hausbesitzer weniger Stress, das Haus bezugsbereit herzurichten.

Letzten Sonntag fuhren Simon und ich, in der naiven Annahme, dass nun alles sicher fertig sein würde, samt Gepäck ein. Im und um das Haus schwirrten rund zwanzig Leute, die packten, malten, wischten, Leuchten reparierten, Möbel durch die Gegend schoben, Lieferwagen beluden, … Kurz, uns traf beinahe der Schlag. Etwas konsterniert überlegten wir, ob nicht besser das Hotel wieder zu beziehen und dem Eigentümer ein neuer Termin zu setzen wäre.

Herr Doktor zeigte uns voller Stolz, was er inzwischen alles verbessert und verändert hat. Zugegeben, es ist Einiges gegangen, nur war dies gar nicht verlangt, und das Haus war immer noch nicht bereit. Kurzentschlossen stellten wir unsere sieben Sachen in ein Zimmer, schlossen dieses ab und verzogen uns an den Strand. Nicht dass das Chaos am Abend verschwunden gewesen wäre, aber immerhin lichtete sich der Nebel. Die ganze Woche schwirrten noch Maler, Elektriker und Allrounder durch die Räume. Wenigstens sorge die Nichte des Eigentümers in unserer Abwesenheit für einen speditiven und geordneten Fortgang der Arbeiten. Bis an wenige Kleinigkeiten ist di Unterkunft nun praktisch fertig.

Seit einer Woche wird das Haus, das von einer rund drei Meter hohen Mauer und einem Eisentor umgrenzt ist, von einem privaten Sicherheitsdienst bewacht. Tagsüber ist eine Person präsent, während nachts drei Leute anwesend sind. Zudem hat uns der Besitzer, nebst zwei Kranichen, einen Hund überlassen. Selbstverständlich sind sämtliche Fenster und Türen zusätzlich vergittert. - Die Wachen werden nachts in unregelmässigen Abständen von der UN kontrolliert. Zudem haben sie und wir Funkverbindung zur Einsatzzentrale. Somit kann man ruhig schlafen, sofern nicht eine Mücke sämtliche Massnahmen überlistet und mitten in der Nacht um die Ohren surrt. Vermutlich werde ich das Moskitonetz doch noch aufhängen müssen.

Ein paar Bilder der vergangenen Woche


Anpflanzungen zwischen Muyinga und Karuzi (im Nordosten)


Reisanbau südlich von Muyinga


Bewohner des Flüchtlings-Camps in Gasorwe (Kongolesen)


Erweiterung von Gasorwe, es fehlen noch die Plastikumhüllungen:
320 Hütten à 3.5x4 m zu 5 Personen = 1'600 Leute 

(Falls jemand ein neues Haus sucht, könnte ich sicher ein gutes Wort einlegen. Das Kleingedruckte: Es stehen zur Verfügung: ca. 10-15 Liter Wasser pro Tag und Kopf, ein Wasserhahn pro 100 Leute innerhalb von 500 m, eine Latrine je zwanzig Leute, Brennholz, Nahrungsmittel, relativ angenehmes Wetter)


Ausschnitt einer 43 km langen, zu sanierenden Strasse


Ein Teil unseres neuen Heimes in Bujumbura
(es gibt mehrere Wasserhähne pro Person )